Tauchen, Pfeffer, Gewürznelken

Snorkelling in the lagoon.6Tauchen, Pfeffer, Gewürznelken

Willkommen auf Sansibar – Gesichter aus 1001 Nacht
Sansibars Gesichter gleichen Geschichten aus 1001 Nacht: faszinierend fremd und farbenfroh. An der ruhigen Ostküste der Insel träumt Abou an seiner Strandbar in den Sonnenaufgang. Es ist halb sieben, und die Nacht hat die Tropenluft auf Pullovertemperatur heruntergekühlt. Die aufgehende Sonne taucht Meer und Himmel in ein intensives Aquarell aus Orange- und Gelbtönen. Selbst der breite Sandstrand verfärbt sich golden. In der kleinen Kokoshütte hat der Barmann Abou Reggaemusik aufgelegt und ordnet Flaschen und Gläser im Takt von UB 40. So früh ist die beste Zeit für eine Strandwanderung. Millionen von Kaurimuscheln liegen an der blendend weissen Küste. Knallrote Seesterne setzen farbige Akzente. Ab und zu fährt ein Radfahrer am Strand entlang, oder ein Hund schliesst sich an. Die Sonne ist nun hoch über den Horizont gewandert und zaubert Südseefarben: türkisblaues Wasser, zuckerweisser Sandstrand, endlose, unbebaute Ferne. Weit im Meer stehen einheimische Frauen in bunten Kleidern. Auch fern dem Ufer reicht ihnen das Wasser nur bis zur Hüfte, denn Sansibar liegt auf einem Riff. Die Frauen legen Netze aus für den vegetarischen Fang: Seegras für Kosmetik und Lebensmittelindustrie. Diese Ernte verschafft ihnen ein bescheidenes Einkommen.
Buntes Unterwasserleben
Das mehrere hundert Kilometer lange Riff macht die Insel attraktiv für Taucher. Bunt schillert dort das Unterwasserleben und eröffnet den Blick auf ein einzigartiges Spektrum an Formen und Farben mit Anemonen- und Papageienfischen oder Riffbarschen. «Von November bis März kommt der Monsun», weiss Abou und erklärt, dass der Tropenwind starke Wasserumwälzungen hervorruft. «Eine gute Zeit für das Tauchen.» Mit ein wenig Glück zeigen sich dann auch die bis zu 15 Meter langen Walhaie oder Riesenmantas. Besonders im Sansibar-Pemba-Kanal zwischen Inseln und Festland kommt es dann zu einer grossen Tierwanderung, vergleichbar mit jener in der Serengeti. Für Taucher lohnen sich mehrtägige Ausflüge, auch zur benachbarten Insel Pemba oder zu einer der vorgelagerten Inseln, wie der Gefängnisinsel.
Auch zu Land hat Sansibar einiges zu bieten, denn die Insel ist bekannt ihrer Gewürze wegen. Pfeffer, Zimt, Muskatnuss, Ingwer, Zitronengras, Gelbwurz wachsen auf Sansibars Shambas. Bekanntestes Exportprodukt aber ist die Nelke. Wer über Land fährt, dem steigt ab und zu eine Schwade Nelkenduft in die Nase, vor allem auf dem Weg nach Ras Nungwi, der Nordspitze der Insel. Dort, so schwärmen manche, kann man Sonnenauf- und Sonnenuntergang über dem Meer sehen. Das macht Nungwi auch zum Magneten von Besuchern aus aller Welt – so geht es dort auch turbulenter zu als an der Ostküste. Nungwi ist zudem Zentrum für Bootsbau und Fischerei. Die Fischer versteigern ihre Fänge oft stundenlang im Hafen.

Schwimmen mit Delphinen
Auch Delphine bewohnen das Meer vor Sansibars Küste. Zahlreiche Veranstalter haben sich auf Tagestrips «Schwimmen mit den Delphinen» spezialisiert. Die meisten starten an der Südspitze der Insel, in Kizimkazi. Wie beispielsweise das kleine Holzboot namens «Rambo». Vier Passagiere gehen an Bord. Da, eine Flosse – alle setzen ihre Taucherbrille auf, nehmen den Schnorchel in den Mund und springen in die Fluten. Die Delphine springen, umkreisen das Boot und sausen pfeilschnell wieder ausser Sichtweite.
Ein Bummel durch Stone Town ist empfehlenswert. Die Unesco adelte die Hauptstadt des Sansibar-Archipels zum Weltkulturerbe. Schimmel und salzige Meeresluft haben der ehemals mächtigen Handelsstadt stark zugesetzt. Schwarzfleckig gammelt der angegraute Korallenkalk mancher Sultanspaläste, andere Prachtbauten sind restauriert und strahlen den Besucher grellweiss an. Sansibars Altstadt gleicht einem Labyrinth aus engen Gassen. Schwarz verschleierte Musliminnen huschen in den Bus, wallend und bunt gekleidete Hindus bieten Ware feil, dazwischen Touristen aus christlichen Ländern. 80 Prozent der Bewohner der Insel folgen dem Ruf des Muezzins. Die Moschee steht wenige Meter entfernt vom Hindutempel, und am belebten Marktplatz läuten sonntags die Glocken der anglikanischen Kirche. Eine Hennamalerin unterbricht ihr Kunstwerk auf der Haut ihrer indischstämmigen Kundin für einige Minuten, weil es Zeit ist, sich nach Mekka zu verneigen.

Aus: Neue Züricher Zeitung, 9.11.2006